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Fachtag 2016

Medienerziehung in der Sozialpädagogischen Familienhilfe

Perspektiven der „Medienerziehung in der Sozialpädagogischen Familienhilfe“

Am 23. Juni kamen im Stuttgarter Geno-Haus über 60 Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) zusammen. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der medienpädagogischen Fortbildung für die Sozialpädagogische Familienhilfe hatte die Aktion Jugendschutz (AJS) Baden-Württemberg zu einer Fachtagung eingeladen. Diese medienpädagogische Arbeit der AJS findet im Rahmen der Kindermedienland-Initiative des Landes statt. In Vorträgen und Gesprächsrunden wurden beim Fachtag Erfahrungen aus der Vergangenheit zusammengefasst und Perspektiven für die Zukunft diskutiert.

Die Vorsitzende der AJS, Marion von Wartenberg, hob hervor, dass die AJS im vergangenen Jahr an 127 Schulungstagen und 97 Workshops über 480 Fachkräfte erreicht hat. Sie forderte gleichzeitig für die Medienbildung einen Perspektivwechsel: „Bislang erreichen wir nur die mutigen und starken Eltern, die sowieso leicht erreichbar sind. Wir müssen aber auch Eltern erreichen, die normalerweise schwer erreichbar sind.“ Dafür müssten die vorhanden Beziehungen zwischen Fachkräften der SPFH und den Eltern gestärkt werden.

Dr. Wolfgang Kreißig, Leiter des Referats Rundfunkpolitik und Medien beim Staatsministerium Baden‐Württemberg und damit Vertreter der Initiative Kindermedienland betonte, dass die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH)  sich gerade dadurch auszeichne, dass sie den Fokus auf „belastete Familien“ lege. Er forderte er die Fachkräfte auf, den Eltern gegenüber auch weiterhin nicht „belehrend, missionarisch und vorurteilsbeladen“ sondern „auf Augenhöhe“ zu begegnen. Dies sei bislang sehr gut gelungen, wofür sich Wolfgang Kreißig ausdrücklich bei den Fachkräften bedankte.

Die schönen Momente der Familienhilfe: wenn sich Eltern wertgeschätzt fühlen

In einer Talkrunde hatten die Fachkräfte der SPFH auch selbst Gelegenheit, über ihre Arbeit zu berichten. Referent Benjamin Götz berichtete beispielsweise von einer positiven Erfahrung, nämlich dass eine vom Kind getrennt lebende Mutter am Wochenende übers Netz mit dem Sohn Minecraft gespielt hat. „Computerspiele als Ressource für Familienbeziehungen“ müssten folglich ganz neu bewertet werden. In manchen Workshops würde diese Erfahrung genutzt und es werde gemeinsam mit ganzen Familien am Computer gespielt. Iris Haußmann-Berkhli, Fachkraft der Sozialpädagogischen Familienhilfe, erzählte, wie sie gemeinsam mit Familienmitgliedern vor dem Bewegungssensor der Xbox tanzte, um so mit Tanzbewegungen Punkte zu sammeln. Sie betonte, wie wichtig der Spaß-Faktor sowie der Wettbewerb beim Spiel und die daraus entstehende Anerkennung sind, um die Workshops zu positiven Erlebnissen zu machen. Claudia Brotzer berichtete von Müttern, die sich bei der Medienarbeit zum ersten Mal richtig „wertgeschätzt“ fühlten und dadurch auch bereit waren, Hilfe bei der Medienerziehung anzunehmen.

Gleichzeitig gibt es natürlich bei dieser Medienarbeit in Familien auch viele Herausforderungen. Der Faktor Zeit bzw. mangelnde Zeit spiele hier oftmals eine Rolle oder auch die völlig unterschiedlichen Bedürfnisse von Eltern und Kindern. Gerade bei „belasteten Familien“ habe das Thema Medien häufig nur eine nachgeordnete Bedeutung, wenn z. B. gerade die Fremdunterbringung eines Kindes ansteht. Dennoch biete die Medienarbeit der SPFH ein gutes Einstiegsthema für die Zusammenarbeit mit der Familie. An der Mediennutzung lasse sich gut ablesen, wo noch weitere Probleme in der Familie versteckt sind. Letztendlich, so das Fazit der Fachkräfte „ist Medienerziehung klassische Erziehung“.

Tipps für die Medienarbeit: auf Augenhöhe bleiben

Benjamin Götz machte deutlich, dass insbesondere bildungsferne Familien keine Vorträge hören möchten, sondern dass klare handlungsorientierte Regeln für den Familienalltag gefragt sind. Eltern würden nach einer Eingewöhnungsphase feststellen, dass wenn sie es schaffen, z.B. Smartphone-Regeln durchzusetzen, sie dann auch in der Lage sind andere Probleme zu lösen. Oftmals fehle es aber in diesen Familien an Struktur und Orientierung. Die Referentin Haußmann-Berkhli ergänzte, dass sich einige Familien mit ihren Fragen und Sorgen „alleingelassen“ fühlten. Abhilfe könne eine Fachkraft vor allem dann schaffen, wenn sie für Familien Ressourcen wie Zeit und Räumlichkeiten zur Verfügung stelle oder sie bei Bedarf auch ganz praktisch von zu Hause „abholt“. Fachkräfte sollten ihrer Meinung nach davon wegkommen „Familien zu bewerten oder in Schubladen zu stecken“. Stattdessen sollten sie die Ressourcen und Talente der Familie erkennen und in sinnvolle Strukturen lenken. „Letztendlich muss man für die Familie ein Atmosphäre der Anerkennung schaffen und auf Augenhöhe bleiben“.

Prof. Dr. Klaus Wolf: die Legimitation sozialpädagogischer Familienhilfe

In seinem Fachvortrag stellte Prof. Dr. Klaus Wolf, Professor für Sozialpädagogik von der Universität Siegen, die Kernfrage der Sozialpädagogischen Familienhilfe – die Frage nach ausreichenden Ressourcen. Wie kann Medienarbeit gelingen, wenn eine Fachkraft im Schnitt pro Woche acht bis zehn Familien betreuen muss? Unter solchen Bedingungen sei es schwierig „Impulse zu setzen“. Die Fachkräfte könnten bei knapper Zeit nur begleiten, die Belastungen dosieren und Tipps geben. Die Tipps umsetzen müssten die Familien aber selber. Keine Wirkung hätte ein „Modell der Instruktion“ zur Veränderung von Angewohnheiten – so wie es in der Schule praktiziert wird. Die Familien würden von zu vielen Impulsgebern beeinflusst werden, zu denen nicht nur die Sozialarbeiter zählen, sondern auch Freunde, Verwandte und Bekannte der Familie.

Die Fachkräfte müssten erkennen, welche individuelle „Familienkultur“ vorherrsche, welche Funktion ein problematisches Medienverhalten erfülle und dementsprechend den eigenen Umgang mit der Familie anpassen. Klaus Wolf zufolge kann „Medienverhalten nur über die Familienkultur gelenkt werden“. Er warnte auch davor, „belastete Familien“ zu stigmatisieren und als „bildungsfernes Klientel“ abzustempeln. Stattdessen sollten sich die Fachkräfte hinterfragen, ob bei ihnen „nicht manchmal der Gaul durchgeht, bei ihrer überheblichen Art, anderen ihr Denken überzustülpen“.

Die Versuchung sei häufig groß, sich ins Familiengeschehen einzumischen, obwohl keine Legimitation vorliege, so Wolf. Stets müsste die Frage gestellt werden, ob überhaupt eine Einladung zur Hilfe oder Vollmacht vorliegt, bzw. ob man sich überhaupt einmischen sollte, wenn das Kindeswohl noch nicht gefährdet ist. Ohne Legimitation sei das Handeln der Fachkräfte nur „missionarisch“. Besser sei stattdessen, die Familie als „Auftraggeber“ ins Boot zu holen. Ein harter Faktor für die „nachhaltige Wirksamkeit“ der Familienhilfe bestehe nämlich darin, dass gemeinsam mit der Familie geplant wird, was erreicht werden soll. Schwierig sei eine gemeinsame Planung immer dann, wenn die Fachkraft nur „von einer Katastrophe zur nächsten“ agiere. Klaus Wolf empfahl daher, längerfristige Orientierungslinien beizubehalten und auf eine gesunde Arbeitsatmosphäre zu achten. „Die Beziehung muss stimmen“, so Wolf. Gefolgt von der gemeinsamen Aufgabe und dem Ziel.

Langzeitstudie: (Medien-)Sozialisation in sozial benachteiligten Familien

Wie Kinder aus benachteiligten Milieus mit Medien umgehen und wie sie Medien einsetzen, um ihren Alltag zu bewältigen, untersuchte Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink von der Universität Salzburg in einer Langzeitstudie. Untersucht wurden die Kinder und später die Jugendlichen in drei Phasen – von 2005-2007, von 2009-2012 und von 2014-2017  –  Die Probanden wurden mit Fragebögen und Leitfadeninterviews befragt. Die Untersuchung, bei der Kinder und Eltern jeweils getrennt befragt wurden, brachte interessante Erkenntnisse hervor:

  • die Medienausstattung in sozial benachteiligten Familien ist meist gut, denn die Eltern wollen, dass ihre Kinder mithalten können
  • Medien übernehmen in sozial benachteiligten Familien eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von Wissen und der Förderung von Entwicklungs- und Lernprozessen
  • Medien helfen verstärkt bei der Alltagsstrukturierung
  • crossmedial vermarktete Angebote werden bevorzugt konsumiert
  • Computerspiele zählen recht früh zum Medienrepertoire
  • das Internet dient vorrangig der Unterhaltung oder zum kommunikativen Austausch
  • Informationsbeschaffung läuft primär über Facebook, Youtube und Google
  • wenig Interesse an politischen Themen in sozial benachteiligten Familien
  • wenig Unterstützung bei der Mediennutzung durch die Eltern

Gemeinsames Kennzeichen der untersuchten Familien ist ein Zusammenspiel aus schwieriger sozialer Lage, schwierigen Beziehungen und mangelnden Kompetenzen, was zu einer ständigen Überforderung der Eltern führt. In der Langzeitstudie konnten fünf Typen von Eltern identifiziert werden im Umgang mit ihrer Situation:

  1. rundum überforderte Eltern
  2. sozio-emotional überforderte Eltern
  3. getrennt lebende Eltern
  4. relativ kompetente Eltern
  5. relativ kompetente Eltern als Aufsteiger

Als Fazit empfahl Ingrid Paus-Hasebrink, trotz der Ergebnisse hinsichtlich relativ ähnlicher Rahmenbedingungen die Familien nicht über einen Kamm zu scheren, sondern differenziert zu betrachten. Die Hilfestellung müsse konsequent und individuell angepasst sein. Im Idealfall würden einzelne Ansprechpartner, wie Kindergärten, Schulen und Jugendämter im Verbund zusammenarbeiten und dadurch eine nachhaltige Wirkung erzielen. Letztendlich sei aber auch der politische Wille gefordert, die Situation von sozial benachteiligten Familien wahrzunehmen und eine bessere Partizipation der Familien zu ermöglichen, so Ingrid Paus-Hasebrink.

Dr. Ulrike Wagner: Handlungsempfehlungen für die Unterstützung von Familien in besonderen Lebenslagen

Was brauchen Familien in besonderen Lebenslagen in Hinblick auf Medien? Dieser Frage widmete sich Dr. Ulrike Wagner vom Münchener JFF Institut für Medienpädagogik. In ihrer Studie von 2013 „Medienerziehung in der Familie: Zwischen Anspruch und Alltagsbewältigung“ wurden über 400 Eltern mit Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren befragt. Anhand qualitativen Familieninterviews sollte evaluiert werden, wo der Bedarf an medienpädagogischer Unterstützung im Detail liegt. Bei der Auswertung der Interviews kristallisierten sich zwei zentrale Dimensionen des medienerzieherischen Handelns der Eltern heraus: die Kindorientierung auf der x-Achse (Berücksichtigung des Entwicklungsstandes und der kindlichen Perspektive) und das Aktionsniveau auf der y-Achse (Regeln, Sanktionen und gemeinsame Mediennutzung).

Die untersuchten Familien wurden auf einer x-y-Matrix zwischen beiden genannten Dimensionen eingeordnet und als Gruppen zusammengefasst (die Matrix findet man auf Seite 8 der Kurzfassung der Studie). Ein zentrales Ergebnis war hierbei, dass alle sozialen Schichten in den Gruppen gleichermaßen vertreten sind. Familien, in denen Kindorientierung und Aktionsniveau niedrig sind, wurden mit dem Herangehen „laufen lassen“ betitelt. Familien mit hoher Kinderorientierung aber niedrigem Aktionsniveau sind von „Beobachten und situativem Eingreifen“ geprägt. Bei hohem Aktionsniveau aber niedriger Kindorientierung lautet das Konzept „Kontrollieren und Reglementieren“.

Danach ging Dr. Ulrike Wagner auf die Gruppen ein und gab für jede Gruppe Handlungsempfehlungen ab, die sich aus dem individuellen Unterstützungsbedarf ableite. Z. B. sollte bei der Gruppe „Kontrollieren und Reglementieren“ verstärkt die Perspektive der Kinder auf die Medienwelt vermittelt werden, also was Kinder fasziniert und was ihnen Spaß macht, was für sie verstörend und verängstigend ist. Bei der Gruppe „Beobachten und situativen Eingreifen“ muss hingegen bei den Eltern das Bewusstsein über das eigene Vorbild bei der Mediennutzung gestärkt werden. Schwierig sei bei dieser Gruppe vor allem, dass Ratschläge von außen eher abgelehnt werden.

Zusammenfassend riet Dr. Ulrike Wagner von Extra-Konzepten für benachteiligte Familien ab. Stattdessen plädierte sie für eine stärkere Zusammenarbeit von Medienpädagogik und Sozialpädagogik. Dies habe auch eine aktuellere Umfrage unter Fachkräften ergeben: Netzwerkstrukturen und Verstetigung wurden als wirkungsvoller angesehen als ein relativ „wahlloses“ Lancieren von Projekten.

Fazit: „sozial belastete Familien“ wertschätzen

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden neben den Rednern auch die Vertreter des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zu den Entwicklungen in der SPFH befragt. Die Mehrheit der Wortmeldungen setzte sich mit den knappen Ressourcen der SPFH auseinander. Sollte langfristig die SPFH mit knappen Mitteln für medienbildnerische Maßnahmen zurande kommen müssen, würde dies den „Digital Divide“ (die digitale Kluft) zwischen den sozialen Schichten verstärken, so eine Wortmeldung aus dem Publikum. Eine weitere Teilnehmerin beklagte die fehlende gesellschaftliche Anerkennung der SPFH sowie die knappen finanziellen Mittel der Einrichtungen. Elke Sauerteig, Geschäftsführerin der AJS, gab abschließend zu Bedenken, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht nur eine Frage der Gehälter sei, sondern ein generelles politisches Thema. Ihrer Meinung nach sollte politisch deutlich gemacht werden, dass die Gruppe der „sozial belasteten Familien“ wertgeschätzt werden müsse.

Im Rahmen der Initiative Kindermedienland qualifiziert die Aktion Jugendschutz (AJS) Fachkräfte der Sozialpädagogischen Familienhilfe, so dass sie die von ihnen betreuten Familien gezielt auch in der Medienerziehung unterstützen können. Knapp 450 Fachkräfte haben mittlerweile teilgenommen und außerdem mit den von ihnen begleiteten Familien medienpädagogische Workshops besucht. Die dort behandelten Themen der Medienerziehung werden in der alltäglichen Arbeit mit den Familien weiter behandelt. Mehr Informationen zum Programm unter http://fortbildungfamilienhilfe.kindermedienland-bw.de/.